Jugendarbeitslosigkeit und Austerität


Warum ist Jugendarbeitslosigkeit bedenklich?

Jugendliche tragen die meisten sozialen Kosten der Finanz- und Wirtschaftskrise. Hohe Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Exklusion charakterisieren eine unsichere Zeit für Jugendliche im Arbeitsmarkt und im persönlichen Leben. Auch wenn sich die Jugendarbeitslosigkeitsraten in den letzten zwei Jahren verbessert haben, bleiben sie bedeutend höher als die für den Rest der Bevölkerung[1][2]. Dies ist besorgniserregend, da sich die Folgen von jugendlicher Armut und Arbeitslosigkeit oft durch das ganze Leben ziehen. Der Verlust von Arbeitserfahrung in jungen Jahren führt oft zu niedrigeren Löhnen, schlechteren Jobbedingungen aber auch reduzierten individuellen Wohlbefinden und schlechter Gesundheit[3].

Jugendarbeitslosigkeit und Austerität

Der Verlauf der Jugendarbeitslosigkeit in Europa zeigt einen Anstieg bis 2014. Die Sparmaßnahmen in vielen Ländern haben die Rate weiter in die Höhe schießen lassen, anstatt sie zu verringern. Kürzungen und Out-Sourcing im Bildungsbereich, der aktiven und passiven Arbeitsmarktpolitik, im Gesundheitssystem und anderen Bereichen des Wohlfahrtsstaates in Verbindung mit Deregulierungen im Arbeits- und Sozialrecht, die dem Arbeitsmarkt zur schnellen Erholung verschrieben wurden, haben die Situation von Jugendlichen verschärft. Dabei gilt es aber auch die längerfristige Entwicklung zu beachten.. Die schwierige Situation für Jugendliche ist nicht erst durch die Krise entstanden, sondern sich dadurch dramatisch verschärft. Die schwache Stellung von Jugendlichen ist früheren Entwicklungen zuzuschreiben, die mit dem Übergang in die Dienstleistungsgesellschaft und dem Erstarken der ideologischen Vormachtstellung des Neoliberalismus verbunden sind. Schon seit den 1990er Jahren gab es vermehrt Reformen die darauf abzielten die Arbeitsmärkte zu deregulieren (oft genannt Flexibilisierung) um mehr Leute schneller in den Arbeitsmarkt zu bringen, wozu Sozialleistungen gekürzt und an strenge Auflagen geknüpft wurden[4]. Dazu kommen wachsende Einkommens- und Vermögensungleichheit, die genauso wie die Arbeitsmarktreformen die Lebenssituation vieler Menschen prekärer macht.  Jugendliche waren von diesen ökonomischen und sozialen Veränderungen besonders betroffen[5].

Erklärungen der Entwicklung der Jugendarbeitslosenquote

Quelle: Eurostat
Quelle: Eurostat
  • 2000-2004 – Arbeitsmarktreformen

    Die Jugendarbeitslosigkeit lag Anfang 2000 zwischen 18 und 19 Prozent. Obwohl dies sehr hoch erscheint stellt das etwa den Normalzustand seit den 1980ern dar. Jugendarbeitslosigkeit ist im Durchschnitt immer höher als die allgemeine Arbeitslosenrate. Dies kann damit erklärt werden, dass wachsende soziale Ungleichheiten besonders seit den 1980ern durch neoliberale, deregulierende Arbeitsmarktreformen (wie oben beschrieben) verstärkt wurden. Dazu gehörte auch der Ausbau von befristeten Arbeitsverträgen, die  eingeführt wurden, um bessere Einstiegsmöglichkeiten zu schaffen. Der Effekt war ein anderer: Mehrheitlich Jugendliche haben diese Verträge bekommen und werden als flexible Personalreserven genutzt.[6]

  • 2004-2008Wirtschaftlicher Aufschwung

    In diesen Jahren ging die Zahl der arbeitslosen Jugendlichen aufgrund des wirtschaftlichen Aufschwung zurück – dieser entsprang jedoch jenem kein festes Fundament hatte und mündete unter anderem in einer Wirtschaftskrise. In Spanien beispielsweise führte ein Bauboom seit Ende der 1990er dazu, dass viele Jugendliche die Schule abbrachen um auf dem Bau zu arbeiten. Dort waren die Jobs oft zeitlich beschränkt und boten wenig soziale Sicherheit. Mit dem Platzen der Immobilienblase 2008 war der Bauboom vorbei und dadurch viele Jugendliche ohne Ausbildung arbeitslos. Außerdem gab es für die besser ausgebildeten die Zeitverträge hatten, plötzlich auch keine Arbeitsplätze mehr. Ähnlich verlief die Entwicklung auch in anderen Krisenländern.

 

  • 2008-2011 – Die Krise bricht ein

    Mit dem Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 verloren viele Jugendliche ihre Arbeitsplätze. Generell werden Jugendliche in Zeiten der Rezession aufgrund von begrenzter Erfahrung, weniger Sozialkapital und betrieblichem Wissen schneller entlassen. Die schon vor 2008 prekäre Situation im Arbeitsmarkt erlaubte es Arbeitsplätze von Jugendlichen besonders einfach zu kürzen. Hier wurde auch ein Nord-Süd Gefälle sichtbar: Während in Ländern wie Spanien, Portugal und Griechenland die Jugendarbeitslosigkeit in die Höhe schoss und in Griechenland und Spanien über 50% erreichte, blieb sie in Österreich und Deutschland unter 10%. In Relation zu allen Jugendlichen bedeutet dass das in Griechenland einer von fünf Menschen zwischen 15 und 24 arbeitslos war, in Österreich einer von zwanzig[7]. Diese Unterschiede entstehen aufgrund der verschiedenen Betroffenheit der Staaten durch die Krise und die jeweiligen politischen Maßnahmen in den Ländern sowie die Ausbildungssysteme und Arbeitsmarktregelungen zustande. Wir können beobachten, dass die Arbeitslosenquote für Jugendliche, die nicht in der EU geboren sind, noch stärker anstieg als für andere[8]. Das macht die besonders verwundbare Stellung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund sichtbar.

 

  • 2012-2014 – Auswirkungen der Austeritätspolitik

    Von 2012 bis Anfang 2014 stieg die durchschnittliche Arbeitslosigkeit nochmals weiter an. Ein klares Signal für die Fehlerhaftigkeit der neoliberalen Kürzungspolitik. Kürzungen in Arbeitsprogrammen für Jugendliche, im Bildungssystem und der von der Troika getriebene Kurs zu mehr Flexibilisierung (Deregulierung im Arbeitsmarkt[9]) zeigten fatale Ergebnisse für Jugendliche. Zu beachten ist auch die Quote derer die unterbeschäftigt sind: jener jungen Menschen die zwar geringfügig arbeiten, aber eigentlich eine Vollzeitstelle benötigen. Von 2007 bis 2013 ist der Anteil im EU-Schnitt um 7% auf 34% angestiegen. Besonders hohe Anstiege gab es – wie in den anderen Bereichen auch – vor allem in Spanien (34%), Irland (30%), Italien (26%) und Griechenland (20%). Ein klares Indiz für den Anstieg von prekären Arbeitsbedingungen von Jugendlichen in Europa. Besorgniserregend auch der Anteil an sogenannten NEETs (= Not in Education, Employment or Training, 15-29 Jährige):Im Schnitt stieg die Zahl 2007 bis 2013 bei 15-24 Jährigen von 11 auf 13% und bei den 25-29 Jährigen von 26 auf 30% an. Am stärksten war diese Entwicklung in den Ländern denen ein Kürzungsprogramm verordnet wurde: In Griechenland stieg die Zahl von 20 auf 42%, in Italien stieg sie von 16 auf 22% und in Spanien von 12 auf 18,6% an. Diese Zahl ist besorgniserregend da NEETs besonders von Armut und sozialer Exklusion betroffen sind. Auch hier gibt es einen Risikounterschied zwischen MigrantInnen und Einheimischen, der sich durch die Krise von 7,4 auf 10% vergrößerte was eine größere Benachteiligung von MigrantInnen bedeutet[10].

 

  • 2014-2016 – Maßnahmen gegen Jugendarbeitslosigkeit

    In den Jahren 2014 bis 2016 ist die Jugendarbeitslosigkeit zurückgegangen. Einerseits wirkt sich die leichte wirtschaftliche Stabilisierung aus und andererseits zeigen die die Maßnahmen gegen Jugendarbeitslosigkeit Wirkung. Erfreulich ist, dass die  EU in ihren Dokumenten die Notwendigkeit von Maßnahmen für soziale Sicherheit anerkennt und diese wieder einen größeren Stellenwert bekommen sollen (z.B. in der Strategie Europe 2020). Der neoliberale Schwerpunkt auf Flexibilisierung überwiegt jedoch noch immer. Aktuell wird vor allem die Skills Agenda der EU vorangetrieben, wobei es um eine mehr an den Arbeitsmarkt angepasste Ausbildung von Jugendlichen geht.  Leider wird in dem Skills-Diskurs oft wenig beachtet, dass die heutigen Jugendlichen keinesfalls ohne Qualifikationen da stehen, sondern zur bestausgebildeten Generation zählen. Außerdem werden andere Maßnahmen zur Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit wie die Stimulierung des Jobangebots und zum anderen die Verbesserung der Situation von Jugendlichen im Arbeitsmarkt zu wenig diskutiert. Es muss auch verstärkt der Blick auf den Arbeitsmarkt gerichtet werden um gute Rahmenbedingungen zu schaffen.
    Als positives Beispiel für EU Maßnahmen gibt es die Youth Guarantee, bei der um die Schaffung neuer Jobs geht. Staaten werden aufgefordert zu garantieren, dass Jugendliche innerhalb von 3 Monaten nach Beendigung der Ausbildung oder mit Beginn der Arbeitslosigkeit einen Job oder Ausbildungsplatz erhalten. Dies funktioniert relativ gut in Österreich, aufgrund von mangelnder Regulierungsvorschriften durch die EU gibt es große nationale Unterschiede. Klar ist: Ohne Reformen in Bereichen des Bildungssystems  und des Arbeitsmarkts sind nachhaltige Erfolge für die Situation der Jugendlichen  kaum erreichbar.[11]

 

Forderungspunkte:

  • Einheitliches Schulsystem – Ganztags- und Gesamtschule ausbauen: Um Jugendarbeitslosigkeit vorzubeugen ist es notwendig, schon im Schulsystem sozialer Ungleichheit entgegenzuwirken. Denn umso höher der Bildungsgrad, desto niedriger ist die Wahrscheinlichkeit arbeitslos zu werden. Ein ausgebautes Angebot an Ganztagsschulen und flächendeckend eingeführte Gesamtschulen, die allen eine Chance bieten einen hohen Bildungsgrad zu erreichen, ist daher längst überfällig.
  • Ausbildungsgarantie (Youth Guarantee) ausbauen: Für alle Jugendliche bis zu 24 Jahren muss es gewährleistet sein, dass sie innerhalb von 3 Monaten einen (Aus-) Bildungs-, Beschäftigungs- oder Trainingsplatz bekommen. Dieses System ist in Österreich schon relativ etabliert, sollte jedoch laufend verbessert und in anderen EU Ländern eingeführt werden. Hierbei ist besonders auf die Qualität der Jobs zu achten, um der bestehenden prekären Situation im Arbeitsmarkt entgegenzuwirken.
  • Aktive Arbeitsmarktpolitik: Neben der Ausbildungsgarantie sind auch andere Services notwendig, die Jugendliche auf dem Weg zurück in den Arbeitsmarkt beraten. Diese sollten nicht auf bestrafende „Anreize“ wie das Kürzen von Geldern, sondern auf persönlicher Unterstützung basieren, um einen guten und nachhaltigen (Wieder-)Einstieg zu ermöglichen.
  • Maßnahmen zur Belebung der Konjunktur: Die Anzahl der offenen Stellen im privaten und öffentlichen Sektor sind ein essentieller Faktor für die Senkung der Jugendarbeitslosigkeit. Es müssen daher von öffentlicher Hand Maßnahmen getroffen werden die mehr Arbeitsplätze schaffen.
  • Regulierungen im Arbeitsmarkt: Befristete Arbeitsverträge und niedrige Mindestlöhne zählen zu den Arbeitsmarktregelungen die Jugendliche besonders benachteiligen. Es ist daher notwendig, den Arbeitsmarkt auf Schwachstellen für Jugendliche zu prüfen und besser regulierte Rahmenbedingungen für ihre Arbeitsplätze zu schaffen. Denn alle ArbeitnehmerInnen haben ein Recht auf gute Löhne, Qualität und Sicherheit bei ihrer Arbeit!
  • Partizipationsmöglichkeiten für Jugendliche schaffen: Bei allen Reformvorhaben ist es notwendig, betroffene Jugendliche und Vertretungsorganisationen in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Das erlaubt die Maßnahmen auf die Jugendlichen von heute abzustimmen und fördert zusätzlich Transparenz und Demokratie.

Für die Zukunft unserer Jugend sind Investitionen in Bildung- und Arbeitsmarktpolitik notwendig. Europa muss wieder den Menschen dienen!  

Verweise:

[1] Eurostat 2016a

[2] Anmerkung zur statistischen Erfassung von Jugendarbeitslosigkeit: Gemäß der Messung der ILO gilt eine Person im Alter von 15-24 als arbeitslos wenn diese aktuell ohne Arbeit ist, aber bereit wäre in den nächsten Wochen anzufangen zu arbeiten und aktiv in den letzten vier Wochen Arbeit gesucht hat. Die Anzahl aller Personen in diesem Alter die im Arbeitsmarkt sind (beschäftigt und arbeitslos) wird dividiert durch die Anzahl derer die in die Kriterien von Arbeitslosigkeit fallen. Bei Jugendlichen ist die Zahl der Arbeitslosen oft irreführend da nicht alle im Arbeitsmarkt sind (manche z.b. in Ausbildung) und daher 25% Jugendarbeitslosigkeit nicht bedeutet dass 1 von 4 Jugendlichen arbeitslos ist. Der Jugendarbeitslosenanteil versucht dieser Verzerrung entgegenzuwirken und dividiert die Anzahl aller Jugendlichen in diesem Alter durch die von jugendlichen Arbeitslosen, wodurch sich ein niedrigerer Wert ergibt. In 2012 zum Beispiel lag in den 28 Mitgliedsstaaten der EU die Jugendarbeitslosenrate bei 23%, der Anteil jedoch bei 9,6%. Das bedeutet, dass 1 von 5 aller erwerbstätigen Jugendlichen und 1 von 10 aller Jugendlichen arbeitslos waren. Jugendarbeitslosigkeit ist nichtsdestotrotz höher als die anderer Altersgruppen und verdient besondere Aufmerksamkeit.

[3] Bell and Blanchflower 2011

[4] Mizen 2003; Clasen and Clegg 2011

[5] Higgins and Porcaro 2013

[6] Eichhorst, Hinte, Rinne 2013

[7] Eurostat 2016a

[8] Eurostat 2016b

[9] Lahusen, Schulz, Graziano 2013

[10] Eurostat 2016b

[11] Pastore 2015

 

Quellenverzeichnis:

Bell, David NF, and David G. Blanchflower. „Youth unemployment in Europe and the United States.“ Nordic Economic Policy Review 1 (2011): 11-37.

Clasen, Jochen; Clegg, Daniel (2011) “The transformation of unemployment protection in Europe” in: Clasen, Clegg “Regulating the Risk of Unemployment: National Adaptations to Post-Industrial Labour Markets in Europe”, Oxford Press

Eichhorst, Werner; Hinte, Holger; Rinne, Ulf; (2013), „Jugendarbeitslosigkeit in Europe: Status Quo und (keine?) Perspektiven“ IZA Standpunkte Nr. 57

Eurostat (2016)a, “Being young in Europe today – labour market – access and participation”, URL: http://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php/Being_young_in_Europe_today_-_labour_market_-_access_and_participation#Young_people_neither_in_employment_nor_in_education_or_training [accessed on 08.06.2016]

Eurostat (2016b), “Young People – Migration and socioeconomic situation”, URL: http://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php/Young_people_-_migration_and_socioeconomic_situation [accessed on 09.06.2016]

Higgins, James, and Giuseppe Porcaro (2013). „From crisis to credibility: the need for quality jobs for young people.“ European View 12.2: 189-198.

Lahusen, Christian, Natalia Schulz, and Paolo Roberto Graziano. (2013) „Promoting social Europe? The development of European youth unemployment policies.“ International journal of social welfare 22.3 : 300-309.

Lefteris Kretsos (2014) Youth policy in austerity Europe: the case of Greece, International Journal of Adolescence and Youth, 19:sup1, 35-47

 

Mizen, P. (2003). The best days of your life? Youth, policy and Blair’s new labour. Critical Social Policy, 23, 453–476. )

Pastore, Francesco (2015) „The European Youth Guarantee: Labor market context, conditions and opportunities in Italy.“ IZA Journal of European Labor Studies 4.1, 1-22.

Weiterführende Links:

Jahoda Bauer Institut (2012): Jugend ohne Arbeit, Ausbildung und Perspektiven, Policy Brief Nr. 3

Tamesberger, Dannis (2013): Unterstützung der arbeitsmarktpolitischen Zielgruppe „NEET“, Teilbericht 3, Handlungsstrategien und Maßnahmenoptionen, ISW/IBE/JKU -Institut für Soziologie